Natürlich bunt – wie das Landleben eben

Warum sich Kreidezeit - Chef Gerd Ziesemann mit seiner Firma in Sehlem so wohlfühlt

 

Entspannter Unternehmer: Gert Ziesemann vor seiner Firma in Sehlem. Vor allen Fenstern stehen Blumenkäs ten, die ein Gärtner mit Geranien und Petunien bepflanzt hat. Der Unternehmer will, dass sich seine Mitar beiter „sauwohl" fühlen. Foto: Deutskens

 

Sehlem (de): Sie, leben zwischen Kuhstall und Kirche, ohne Kleingeister zu sein: Das sind die „Leute vom Land", die das Leben in den Dörfern der Region so reiz voll machen. Die HAZ stellt sie in einer Serie vor. Heute: Gert Ziesemann, Unternehmer aus Sehlem. Eigentlich wollte Gert Ziesemann ja Biobauer werden. Zum Glück machte er vorher aber noch eine ganz besondere Marktforschung: Er stellte im Vier Linden in Hildesheim zwei Tische auf. Auf einem breitete er Informationen über die Gründung einer Verbrauchergemeinschaft aus und auf dem anderen Rezepte für Ökofarbe.

 

„Vor diesem Tisch standen dann 300 Leute, vor dem anderen nur 30", erinnert sich der 59 - Jährige. „Da war die Sache klar." Die Leute wollten also lieber Biofarbe als Biogemüse, und die haben sie auch bekommen. Zumindest einige Zeit später, denn erst mal musste Gert Ziesemann die Firma Kreidezeit ja gründen. 20 Jahre ist das jetzt her. Zuerst verkaufte er die Farben, die auf natürlichen Substanzen wie Kalk, Leim, Casein oder Ölen basieren, nur auf Ökomärkten. Seine Frau unterstützte ihn, und auch die drei Töchter „halfen" - oder krabbelten unter den Markttischen umher. Die Kinder waren auch der Grund, warum Ziesemann wieder nach Sehlem zurückkehrte. In dem kleinen Ort in der Samtgemeinde Lamspringe ist er zur Welt gekommen, dort hat er fast 20 Jahre lang gelebt. Doch dann wurde es ihm zu eng in dem Dorf, er zog weg - und landete doch wieder auf dem Land, in einem Ort bei Münster. Allerdings nicht in einem behüteten Elternhaus, sondern in einer Kommune. Es war 1968, Studenten probierten alternative Lebensformen aus und noch ein paar andere Sachen. Ziesemann engagierte sich im SDS, dem sozialistischen deutschen Studentenbund, und machte eine Ausbildung als geologisch - paläontologischer Präparator. Danach reiste er durch die Welt und wohnte für ein paar Jahre in Hamburg. Als die Kinder zur Welt kamen, beschlossen er und seine Frau: Sie sollen auf dem Land leben. „Wenn man so aufwächst, will man auch später so leben", sagt der Familienvater. Also zog die Familie nach Sehlem, und nach dem eindeutigen Ergebnis seiner „Marktforschung" brachte Ziesemann die Firma Kreidezeit Naturfarben GmbH auf den Weg.

 

In dem Gebäude, in dem früher Wäscheklammern aus Holz hergestellt wurden, mischen heute 28 Frauen und Männer Ökofarbe an, füllen sie in Tüten und kleben die Etiketten mit dem berühmten Satz drauf: „Schwalbenkot auf der Verpackung ist kein Reklamationsgrund." Der 59 - Jährige ist ein richtiger Landmensch („einer, der Platz braucht") - und sein Unternehmen eine richtige Landfirma. Mit Blumen vor den Fenstern und eben Schwalben. „Außerdem gibt es einen Waldkauz, eine Katze, einen Eisvogel, einen Reiher und ein Wiesel", zählt der Chef auf. Kein Wunder, dass sich die Mitarbeiter in dieser Umgebung „sauwohl" fühlen, wie es der Unternehmensgründer beschreibt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie in seiner Firma das Handwerk ausüben können, das sie gelernt haben. Und nicht nur noch „Gehilfen der Industrie" sind - eine Entwicklung, die Ziesemann bedauert. „Das Handwerk geht immer mehr verloren." Wichtig sei ihm auch immer gewesen, Naturfarben für alle Menschen herzu stellen - und nicht nur „für einen kleinen esoterischen Zirkel".

 

Kreidezeit - Farben sind ebenfalls bei Restauratoren beliebt. So wurde die Anna - Amalia - Bibliothek in Weimar nach dem Brand mit Farben aus Sehlem neu gestrichen. „Das habe ich aber erst hinterher erfahren", gibt sich Ziesemann bescheiden. Über Erfolg spricht er nicht besonders gerne, und schon gar nicht über Geld. Profitmaximierung als Leitziel einer Firma findet er „sittenwidrig". Bei aller Liebe zum Handwerk, zu seinen Mitarbeitern und zur Umwelt ist er aber auch nach streng wirtschaftlichen Maßstäben erfolgreich: Zwischen drei und vier Millionen Euro jährlich liegt der Umsatz mittlerweile, 18 bis 22 Prozent Umsatz zuwachs hat die Firma in den vergangenen zehn Jahren verzeichnet - pro Jahr. Gerade erst hat er auf dem Firmengelände zwischen Sehlem und Harbarnsen eine neue Halle aus Holz gebaut. Die Firma gehört aufs Land, ist er sicher. „Wir brauchen für unsere Farben eine Umgebung wie diese."

 

 

Quelle: Hildesheimer Allgemeine Zeitung 29.08.2008

 


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